Heinz Rudolf Kunze „Deutschland“

Heinz Rudolf Kunze mit neuem Album

„Deutschland“ heißt das letzte Lied, das Heinz Rudolf Kunze für sein neues Album produziert hat. Da war es wie eine Steilvorlage, das ganze Album so zu nennen, sagt Kunze. Gut gelaunt und wie immer ein bisschen abwartend sitzt Kunze in seiner dunklen Jacke im Studio. Den Schal locker um den Hals geschlungen. Kunze plaudert nicht einfach so drauflos, das ist nicht seine Art. Er wägt im Vorfeld ganz genau ab, was er sagt. Klingt kompliziert für ein Interview, hat aber den Vorteil, dass das Interview einen gradlinigen Verlauf hat. Kunze ist ein wirklich interessanter Gesprächspartner, denn er hat etwas zu sagen.

„Ich muss hier raus“

Deutschland ist eines der Themen, mit denen sich Heinz Rudolf Kunze immer wieder in seiner Musik auseinandersetzt. An dem er sich als Künstler reibt. Das fängt auf dem aktuellen Album schon mit dem Plattencover an. Zu sehen ist eine typisch deutsche Einfamilienhaussiedlung. In so einer ist Kunze aufgewachsen. Als Junge habe er gedacht, „ich muss hier raus, ich möchte nicht so enden“. Also eine Abrechnung mit seiner Vergangenheit? Keineswegs, sagt Kunze, er spiele einfach gern mit Erwartungen. „Ich habe vor ein paar Jahren ein Album „Protest“ genannt, da war kein einziges Protestlied drauf“. Er lächelt verschmitzt. Frei nach Dylan, wonach jedes Lied, das man schreibt, ein Protestlied ist.

heinz Rudolf Kunze über Kunze: "Ich bin der am wenigsten belehrende Sänger in Deutschland".

Heinz Rudolf Kunze

„Keine Zeigefinger“

Das heißt bei Kunze nicht, dass er mit Deutschland abrechnen will. Vielmehr ist es ihm ein stetes Bedürfnis, seine Beobachtungen und Einstellungen mitzuteilen. Seine Sorgen zu benennen und auf die gegenwärtigen Spannungen in Deutschland aufmerksam zu machen. Dem setzt er dann Erinnerungen aus seiner Kindheit entgegen – die Idylle von einst. Dabei legt Kunze großen Wert darauf, dass er nicht den Zeigefinger hebt. „Ich glaub ich hab gar keine Zeigefinger. Ich bin der am wenigsten belehrende Sänger dieses Landes, da leg´ ich großen Wert drauf“, sagt er. Außerdem schreibe er natürlich nicht nur über solch schwierige Themen. In Kunzes Liedern geht es ja immer auch um Liebe, oder aktuell um Zauberer und alles Mögliche.

„Ich kann mich wundern“

Gleichwohl wundert sich Kunze über all die Kollegen, die die Politik total ausklammern. „Politik gehört zum Leben dazu“, sagt er und deswegen fließe es bei ihm immer ins Schreiben ein. „Ich kann mich immer noch unglaublich wundern, wo das keine Rolle spielt. Ich frag mich, wie machen die das. Wie arbeiten die denn, dass es nicht auch in ihre Texte hineinlebt?“ „Deutschland“ ist ein Album wie ein Chamäleon, erläutert Kunze. Musikalisch vielschichtig, was eben durch die Texte bedingt sei, die so unterschiedlich klingen wollen. So ist die aktuelle Single „Das Paradies ist hier“ ein richtiger Ohrwurm im typischen Kunze-Stil. Eindringlich und zum mitsingen stellt der Rockpoet klar, dass es gilt den Augenblick zu genießen, den Moment. Denn das Paradies ist nicht irgendwo weit entfernt, es ist hier.

„Ein frommer Wunsch“

Ähnlich beeindruckend ist „Jeder bete für sich allein“. Ein Titel in dem sich Kunze mit Religion und Fanatismus auseinandersetzt. Kunzes Überlegung, wenn Religion die Privatsache eines jeden Einzelnen wäre, im stillen Kämmerlein stattfinden würde, dann wäre doch dem Fanatismus jeder coleur der Boden entzogen. Dann wäre es schon deutlich friedlicher auf der Welt. „Ein frommer Wunsch“, sagt Heinz Rudolf Kunze, das sei ihm natürlich klar. Gleichwohl macht es ihm Spaß, solche Gedankenspiele musikalisch umzusetzen. Und dann verweist er auf den französischen Religionsphilosphen Pascal, der gesagt hat: „Das größte Problem der Menschheit besteht darin, das sie nicht ruhig in ihrem Zimmer bleiben kann.“ Diesen Satz findet Kunze einfach „genial.“

 

Heinz Rudolf Kunze hat mir das Videointerview am 15.02.2016 bei Antenne Brandenburg gegeben

 

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