Lampen tragen Mützen

Nightcap Boom Boom von Alona Rodeh in der Lortzingstr. 14
Nightcap Boom Boom von Alona Rodeh in der Lortzingstr. 14

Gezielt leuchtende Laternen reduzieren Lichtsmog erheblich. Diesen Fakt nutzt eine Berliner Künstlerin und hat für Straßenlaternen Mützen kredenzt. Über die „Nightcaps“ freuen sich auch die Insekten.

  • Künstlerin Alona Rohde entwirft Kopfbedeckungen für Straßenleuchten zur Verringerung der Lichtverschmutzung
  • Helle Straßenleuchten irritieren Insekten mit teils tödlichen Folgen
  • Moderne Straßenleuchten lenken das Licht gezielt

Das Brunnenviertel im Berliner Wedding ist sicherlich nicht das strahlendste Viertel der Hauptstadt. Trotzdem hat der Kiez seit ein paar Monaten eine leuchtende Besonderheit: An verschiedenen Stellen tragen einzelne Lampen Mützen. „The Girl Next Door“, „Boom Boom“ oder „The Gardener“ sind ihre genauen Modellbezeichnungen der „Nightcaps“.

Entworfen hat sie die Künstlerin Alona Rodeh, die selbst im Brunnenviertel wohnt und arbeitet. Wenn sie aus dem Fenster ihres Ateliers in der Putbusser Straße auf die gegenüberliegende Straßenseite schaut, hängt dort auf einer der typischen kugelförmigen Leuchten, die so zahlreich an den Hauseingängen des kommunalen Wohnungsunternehmens degewo zu finden sind, das Modell „Hot“ – ein Basecap mit angedeuteten Haaren.

Künstlerin Alona Rodeh in ihrem Atelier
Künstlerin Alona Rodeh in ihrem Atelier

Nightcaps als Kunst

„Cool, sieht man nicht oft und ist mir irgendwann aufgefallen“, sagt Jasper, der in der Nähe arbeitet. „Ich habe gleich ein Foto gemacht“. Warum die Lampe allerdings eine Mütze trägt – „keine Ahnung“.

Was so spielerisch und lustig daherkommt, hat durchaus einen ernsten Hintergrund. Die „Nightcaps“ machen auf das Thema Lichtverschmutzung aufmerksam und sind ihrerseits ein künstlerischer und kostengünstiger Lösungsansatz. Hergestellt sind sie aus recycelten Kunststoffen.

Alona Rodeh beschäftigt sich in ihrer Kunst immer wieder mit dem Thema Dunkelheit, Sicherheit und Atmosphäre in Städten. Zu ihrer künstlerischen Arbeit gehören auch öffentliche Nachtspaziergänge in verschiedene Parks. In den letzten zwei, drei Jahren haben bei mir verstärkt ökologische Gesichtspunkte Einzug gehalten, erklärt sie, vor allem der Bereich der Lichtverschmutzung interessiere sie.

Nightcap Hot von Alona Rodeh in der Putbusser Str. 32
Nightcap Hot von Alona Rodeh in der Putbusser Str. 32

Lampen-Mützen gut für Insekten

Hier im Viertel seien ihr gleich die zahlreichen runden Straßenleuchten aufgefallen, erzählt sie. Diese stammten vermutlich aus den 60er und 70er Jahren und seien an sich ja sehr schön. Ihr einziger Nachteil, sie strahlen in alle Richtungen ab.

Deshalb habe sie beschlossen, die Idee mit den „Nightcaps“, die sie vorher schon in Stuttgart temporär umgesetzt habe, unbedingt auch in Berlin weiterzuverfolgen. Neun Straßenleuchten tragen derzeit Mütze im Brunnenviertel, bis Jahresende sollen weiter sechs dazukommen.

So eine künstlerische Umsetzung zum Thema Lichtverschmutzung findet Wissenschaftler Gregor Kalinkat, der am Leipniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei beschäftigt ist, richtig gut. Der Ökologe arbeitet im Forschungsteam Lichtverschmutzung und untersucht Straßenlaternen und ihre Wirkung auf Insekten. Von Alona Rodehs „Nightcaps“ hatte er zwar vorher noch nichts gehört, aber in der Lorzingstraße zückt er sogleich sein Handy, „sehr schön, das muss ich den Kollegen schicken“.

Gregor Kalinkat, Ökologe am am Leipniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei, Forschungsgruppe Lichtverschmutzung
Gregor Kalinkat, Ökologe am am Leipniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei, Forschungsgruppe Lichtverschmutzung

Moderne Laternen leuchten gezielt

Lichtverschmutzung ist ein wichtiges Thema, führt der Ökologe aus. Die Straßenbeleuchtung wird oft zur Falle für Insekten. Diese würden geradezu magisch angezogen, umkreisten dann desorientiert die Lichtquelle, bis sie vor Erschöpfung abstürzen und sogar sterben. So werde häufig eine erfolgreiche Partnersuche verhindert, gleiches gelte für die Eiablage.

Das alles habe nicht zwingend tötliche Folgen für das einzelne Insekt, aber auf die Spezies hochgerechnet, ergäben sich schon negative Folgen. Auch seien bestimmte Insektenarten an Orten mit heller Straßenbeleuchtung inzwischen in Berlin nicht mehr anzutreffen.

In der Stadt könne das Licht natürlich nicht einfach ausgeschaltet werden, räumt Gregor Kalinkat ein, deshalb versuche man bei moderner Straßenbeleuchtung die Abstrahlung des Lichts gezielt zu bündeln und die Lichtfarbe so anzupassen, dass sie Insekten weniger anziehen. Weiterhin können moderne Straßenleuchten das Licht dimmen und über Bewegungsdetektoren der Situation anpassen. Ist nachts niemand unterwegs, muss die Straßenleuchte nicht mit voller Power den Gehweg ausleuchten.

Nightcap The Gardener von Alona Rodeh in der Swinemünder Str. 51
Nightcap The Gardener von Alona Rodeh in der Swinemünder Str. 51

Abgeschirmte Lampen reduzieren Lichtsmog

In einer Studie ist die Forschungsgruppe kürzlich zu dem Ergebnis gekommen, dass die die Reduzierung der Lichtmenge überraschenderweise nicht den gleichen Erfolg hatte, wie die räumliche Begrenzung und Abschirmung der unerwünschten Lichtemission. Folglich empfehlen die Wissenschaftler, den Einsatz maßgeschneiderter, abgeschirmter Leuchten.

Nimmt man das Ergebnis, dann kommen die „Nightcaps“ der gewünschten Verringerung unerwünschten Lichts ziemlich nahe. Das ist der Weg, den auch wir gehen, sagt Gregor Kalinkat mit durchaus anerkennendem Blick auf „Nightcap Extra Hot“.

Die degewo, auf deren Grundstücken die „Nightcaps“ installiert sind, unterstützt das Projekt auch finanziell. „Zusammen mit Künstlerin Alona Rodeh sind Workshops an Schulen, Jugend- und Nachbarschaftszentren geplant, um das Projekt weiter auszubauen“, heißt es auf Anfrage. Auch werde geprüft, ob weitere Straßenlaternen im Brunnenviertel mit „Nightcaps“ ausgestattet werden können.

Künstlerin Alona Rodeh mit einem Prototyp ihrer Nightcaps
Künstlerin Alona Rodeh mit einem Prototyp ihrer Nightcaps

Darth Veder-Helm angedacht

Die Nightcaps sind inzwischen auch auf Interesse in der Bezirksverwaltung gestoßen. Da die Lichtverschmutzung meist aus einem sehr technischen Ansatz heraus betrachtet werde, sagt Alona Rodeh, könne sie sich auf lange Sicht gut die Einbeziehung der Kunst vorstellen, vielleicht in beratender Funktion beim Erarbeiten neuer Strategien gegen Lichtverschmutzung. Ihr Ansatz sei ein genereller, denn es gehe auch um die Stimmung in den Straßen, hier würde sie gerne mitwirken.

Auf einem Tisch in ihrem Atelier stehen einige „Nightcaps“ als kleine Modelle, darunter sind auch Prototypen. Ein Entwurf sieht aus wie ein „Darth Vader-Helm“ aus „Starwars“. Ob „Darth Vader“ irgendwann auf einer degewo-Kugellampe Platz finden wird ist noch nicht entschieden. Wenn aber doch, dann kann die dunkle Seite ökologisch durchaus wertvoll sein.

Text und Video sind bei rbb|24 erschienen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert