Tod durch Glas

Im Cube-Gebäude spiegelt sich die Umgebung.
Cube-Gebäude am Berliner Hauptbahnhof
  • Jährlich sterben Millionen Vögel durch Kollisionen mit Glasscheiben
  • Bauliche Maßnahmen bringen Abhilfe, sind aber teuer
  • Naturschutzbund (Nabu) setzt auf neuen digitalen Vogelschlagmelder

Der kleine Sperling liegt bewegungslos auf dem Boden. Die Glasscheibe eines Bürogebäudes ist ihm zum Verhängnis geworden. Nahezu ungebremst ist der Vogel gegen die Fensterfront geprallt und gestorben. Seine Umrisse sind an der Scheibe festgehalten: Talgreste, die Flügelspitzen sind zu sehen. Wie ein geisterhafter Abdruck vom Augenblick des Todes.

Erschreckende Zahlen

Der Naturschutzbund (Nabu) schätzt, dass jedes Jahr rund vier Millionen Vögel allein in Berlin Opfer eines sogenannten Vogelschlags werden, meist mit tödlichem Ausgang. Auch die Umweltverwaltung spricht von mehreren Millionen toten Vögeln nur in Berlin. Bundesweit könnten es an die 100 Millionen Tiere sein. Schätzungen seien das, erklärt Martin Rümmler, Referent für Vogelschutz beim Naturschutzbund Deutschland (Nabu) rbb|24, hochgerechnet auf Grundlage von Studien und belegten Fällen, auch aus dem Ausland.

Ein besonders krasser Fall ereignete sich 2024 in Chicago, als Zugvögel mit Scheiben des Kongresszentrums „McCormick“ kollidierten. Damals wurden laut New York Post 964 tote Vögel gezählt. „Es war wie ein Teppich aus toten Vögeln“, beschrieb der ehemalige Leiter der Vogelsammlung am Chicago Field Museum, David Willard, das tragische Ereignis.

»Dann denken die Vögel, sie können dort in die Bäume fliegen – und kollidieren dann mit den Fenstern. «

Martin Rümmer vom Nabu

Das Konrad Adenauer Haus in Berlin zählt für den NABU zu den Gebäuden, die für Vögel besonders gefährlich sind.
Konrad Adenauer Haus in Berlin

Tödlicher Irrtum

Neben Wohnhäusern und Wintergärten sind insbesondere gläserne Bürogebäude, verglaste Schallschutzwände und Bushaltestellen ein hohes Risiko für Vogelschlag. Der Grund für die tödlichen Begegnungen sei ein fataler Irrtum, sagt Rümmler. Vögel erkennen Glasscheiben nur in den wenigsten Fällen und nehmen sie daher nicht als ein Hindernis war.

Insbesondere Reflexionen und Spiegelungen auf Glas sind für die Vögel nicht als solche zu erkennen. „Wenn sich zum Beispiel die Landschaft, Bäume, der Himmel oder Büsche in Glasfenstern oder Glasfassaden spiegeln, dann denken die Vögel, sie können dort in die Bäume fliegen – und kollidieren dann mit den Fenstern“, erklärt Rümmler.

Oder die Tiere sehen hinter einer transparenten Scheibe ihr Ziel, fliegen direkt in die Richtung – und prallen gegen das Glas. Auch beleuchtete Gebäude in der Nacht lassen Vögel immer wieder die Orientierung verlieren.

Vogelschutz am Max-Delbrück-Center in Berlin-Mitte. Die Scheiben haben Linien, die für Vögel als Hindernis erkennbar sind.
Vogelschutz beim Max-Delbrück-Center in Berlin-Mitte

Spezialglas und Folien

Abhilfe können bauliche Maßnahmen schaffen, wie sogenanntes vogelsicheres Glas, erklärt der Vogelschutzexperte. Das sei speziell behandeltes Bau- und Fensterglas, das schon ab Werk mit feinen Linien, Punkten oder Rastern versehen ist. Auf den ersten Blick sind diese Muster für das menschliche Auge gar nicht sichtbar, wohl aber für Vogelaugen, die so ein Hindernis erkennen.

Wie es aussehen kann

Gute Beispiele für wirkungsvoll umgesetzte Vogelschutzmaßnahmen an Gebäuden in Berlin sind demnach zum Beispiel der Springer-Neubau, das Max-Delbrück-Center oder auch das Futurium – wobei hier nachträglich großflächig Folien mit Punkten aufgetragen wurden.

Der Nabu-Experte räumt aber auch ein, dass das alles mit teils erheblichen Kosten verbunden ist. Die klassische schwarze Vogelsilhouette, aufgeklebt auf die Mitte einer Fensterscheibe, bringe gar nichts, erläutert Rümmler. Nicht das Motiv zählt, sondern der Abstand. „Da müsste man die ganze Scheibe mit diesen Vogelsilhouetten bekleben, und maximal eine Handbreit voneinander entfernt“, sagt Rümmler.

Vogelschutz am Axel Springer-Neubau. Die gläsernen Fassadenteile sind mit einem Muster versehen, das für Vögel als Hindernis zu erkennen ist.
Axel Springer-Neubau mit Vogelschutz-Glasfassade.

In den Gesetzen ist noch Platz

Im deutschen Baurecht ist Vogelschutzglas nicht verankert. Allerdings besteht die Pflicht zum Vogelschutz durch das Naturschutzgesetz. Hier sei vieles jedoch „sehr schwammig gehalten“, meint Rümmler. „Theoretisch könnte man da noch sehr viel mehr in der Gesetzeslage anpassen.“ Außerdem sei es wünschenswert, wenn Architektinnen und Architekten Vogelschutz grundsätzlich mitdenken würden – vor allem im öffentlichen Raum.

Martin Rümmler vom NABU vor dem Berliner Hauptbahnhof
Martin Rümmler, Referent für Vogelschutz, NABU

„Vogelschlagmelder“ eingerichtet

Um Gefahrenpunkte künftig besser bestimmen zu können, setzt der Nabu auf einen neuen digitalen Vogelschlagmelder [berlin.vogelschlagmelder.de] und auf die Berliner und Berlinerinnen. Über ein Portal können schnell und einfach Zusammenstöße von Vögeln mit Glasflächen gemeldet werden. Eine Gefahrenkarte zeigt dann an, welche Gebiete in Berlin besonders betroffen sind.

So können Eigentümer und Behörden gezielt angesprochen und beraten werden. Das geschehe auch schon jetzt, so Rümmler; und das sei durchaus erfolgreich. Vor allem, wenn die Unternehmen oder Gebäudebetreibende den Schutz der Vögel als Werbung und einen Pluspunkt in ihrer eigenen Kommunikation verstehen.

Erschienen : rbb|24, 04.08.2026

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